19. Februar 2017

Bad Köstritz die Stadt der großen “B”

Geburtshaus von Heinrich-Schütz
Geburtshaus von Heinrich-Schütz – ehemals Gasthof zum Goldenen Kranich

Das kleine Städtchen Bad Köstritz liegt am Mittellauf der Weißen Elster, die das Tal geprägt hat. Der Ort wird erstmals 1364 urkundlich erwähnt. Seine Geschichte ist jedoch viel älter, wie Funde von Steinwerkzeugen und die Entdeckung von Grabhügeln (Jungsteinzeit) beweisen.
Im Mittelalter herrschten hier über lange Zeit die Wolframsdorfer Junker, mehrere Rittergüter waren in ihrem Besitz.
Die jüngere Linie Reuß war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts am Höhepunkt ihrer Teilung angekommen. Das erkannte vor allem Graf Heinrich I. Reuß-Schleiz j. L. Er führte 1679 in seinem Land die Primogenitur, das Nachfolgerecht des erstgeborenen Sohnes, ein. Er kaufte in Köstritz ein Rittergut, den Unteren Hof, für seinen zweitgeborenen Sohn Heinrich XXIV. als Paragium (Herrschaft ohne Regierungsgewalt). Mit weiteren Orten u.a. Hohenleuben, später Reichenfels, wurde Reuß- Köstritz eine Art “Unterherrschaft” von Reuß-Schleiz.

Heinrich XXIV. gehört zu den bedeutendsten Reußen. Obwohl er keine Regierungsmacht besaß, war er an wesentlichen Reformen auf dem Gebiet der Bildung und der Sozialpolitik beteiligt (u.a. Zuchthausreform, Schulreform). Das Heinrich XXIV. sehr geschätzt war, zeigt auch, dass ihm die Vormundschaft über künftige reußische Landesherren der jüngeren als auch der älteren Linie anvertraut wurde. So war er Erzieher und Vormund des ersten Reußenfürsten der älteren Linie Reuß-Obergreiz, des Grafen Heinrich XI. In der jüngeren Linie war er Vormund für Graf Heinrich XXIX. Reuß- Ebersdorf. Auch die Gründung eines Waisenhauses in Greiz wurde von ihm angeregt und später sehr gefördert. Wegen seiner Intelligenz und Umsicht wurde er auch ” Diplomat für schwere Fälle” genannt.
Auf dem Gelände des Rittergutes ließ Heinrich I. ab 1687 ein barockes Schloss als Wohnsitz für seinen Zweitgeborenen erbauen, das dieser 1704 nach seiner Volljährigkeit bezog. Das Schloss, eine großzügig angelegte Residenz, wurde als Vierflü gelanlage mit Innenhof errichtet. Der Hauptwohnsitz befand sich im Ostflügel, der mit einem reich verzierten Mittelportal im Rokoko-Stil und Wappen der Reußen verziert war. Leider wurden das Haupthaus und Teile der Schlossanlage wegen Baufälligkeit abgerissen. Übrig blieb nur der Westflügel mit Turm und Durchfahrt.

Zum Schloss gehörte auch ein Schlosspark. Im 18. Jh. als barocker Lustgarten angelegt, wurde er nach der Paragiatsübernahme unter Heinrich XLIII. in einen weiträumigen englischen Landschaftspark umgestaltet. Der bis an die Flurgrenzen von Gera-Thieschitz und Hartmannsdorf reichende Park lädt auch heute zu erholsamen Spaziergängen ein. Neben Solitären und kulissenartigen Baumgruppen findet man noch einige der ehemals zahlreichen Parkarchitekturen, so den klassizistischen Rundtempel, eine “Burgbrücke”, künstliche Parkteiche, eine Exedra und den “Amalienstein”. 1965 kam ein kleines Tiergehege hinzu.
Obwohl schon seit 1865 vielfach als “Bad” benannt, erhielt der Ort erst 1926 diesen Staatstitel, 1927 wurden ihm zudem die Stadtrechte verliehen.
Köstritz wird auch die Stadt der großen “B`s” genannt.

Das erste “B” steht für Bad. 1831 entdeckte Bergrat Carl Glenk eine ergiebige Solequelle – die Grundlage für das traditionsreiche Chemiewerk. Mit der Sole behandelte Dr. Adolf Sturm, ein Bruder des bekannten Köstritzer Heimatdichters Julius Sturm, seit 1845 erfolgreich seine Patienten. Unter seiner Leitung nahm 1865 ein repräsentatives Kurhaus seinen Betrieb auf und Köstritz wurde zu einem bekannten Kurort. Die Sole versiegte um 1909. Andere moderne Behandlungen, wie die berühmten Sandbäder, traten an ihre Stelle. Noch bis 1991 wurden im späteren Sanatorium jährlich mehrere Tausend Patienten behandelt. Heute steht an historischer Stelle das moderne Seniorenzentrum “AZURIT” mit seinen Pflege- und Wohnbereichen.

Das zweite “B” steht für Bier. Das Bierbrauen hat in Bad Köstritz eine lange Tradition. Die gewerblichen Braurechte gehen bis in das Jahr 1543 zurück. 1605 wurden bereits 700 hl Bier jährlich gebraut. Nachdem Heinrich I. in Köstritz mehrere Immobilien gekauft hatte, ging auch die Gutsbrauerei in das Eigentum der Reußen über und wurde 1696 “Reußische Hofbrauerei”. Da sich das Bier als qualitativ gut erwies, erfuhr das Brauwesen im 18. Jh. wieder einen deutlichen Aufschwung. Die große Nachbarstadt Gera hatte eigene Brauereien und somit durfte kein Bier dorthin geliefert werden. Dieses wurde daher in weiter entferntere Städte gebracht. 1806, mit der Erhebung des Hauses Reuß in den Fürstenstand, erfolgte die Umbenennung in “Fürstliche Brauerei” und es wurden mehrere Biersorten hergestellt. Neben dem Englisch-Bier (einem Vorläufer des Köstritzer Schwarzbieres) gab es auch ein Bier für die Armen, das “Kofend” – ein Einfachbier aus Nachgüssen. 1829 wurde das alte Brauhaus im Unteren Hof durch einen Stadtbrand vernichtet und eine neue Brauerei im Schlossareal eingerichtet. In der zweiten Hälfte des 18. Jh. ging es in Köstritz mit dem Bierbrauen bergab. Ursache war vor allem die Konkurrenz aus Bayern. Als der erfahrene Ökonomierat Rudolf Zersch die Brauerei pachtete und die böhmische Braukunst übernahm, entwickelte sich die Köstritzer Braukultur rasant. Neue Biersorten entstanden u.a. die “Blume des Elstertales”, die auch Reichskanzler Otto von Bismarck zu seinem Geburtstag verkostete. Der Bedarf stieg, die Brauerei wurde zu klein und ein neuer Brauereikomplex wurde 1906 gebaut. Damals war dieser einer der modernsten in Europa. Nach dem 2. Weltkrieg begann die Epoche der sozialistischen Planwirtschaft und das Bier wurde wichtiges Exportgut der DDR. Mit der Wiedervereinigung 1989 gab es erneut gravierende Veränderungen. Durch das Stammhaus “Bitburger” wurde beträchtlich investiert und heute ist die Köstritzer Schwarzbierbrauerei mit ihren “Magischen Bieren” in aller Welt ein Begriff für vorzüglichen Biergenuss.

Das dritte “B” steht für Blumen. Seit über 200 Jahren ist Köstritz eine Stadt der Blumen. Nachdem um 1790 die Dahlie aus Mexiko über Spanien später nach Deutschland gekommen war, wurde sie 1809 auch am Köstritzer Hof bekannt. Christian Deegen (1797-1888), einer der Väter der deutschen Dahlienzüchtung, begründete gemeinsam mit seinen Söhnen sowie Johann Sieckmann und Ernst Herger die Köstritzer Dahlientradition. Als Deegen seine ersten Dahlienknollen von den großherzoglichen Gartenanlagen in Weimar erhielt, vermehrte er diese im Garten seines Vaters in Kahla. Durch einen Lottogewinn vermögend geworden, kaufte er 1824 in Köstritz das Fürstliche Palais mit Garten und eröffnete die erste deutsche Handels-Gärtnerei mit Dahlien. Innerhalb von 12 Jahren brachte er es auf die stattliche Anzahl von über 400 Dahlien-Sorten (damals “Georginen” genannt). Der Vertrieb von Dahlien, Rosen und Gehölzen wurde zu einer bedeutenden ökonomischen Komponente in Köstritz. Seit 1978 wird im Spätsommer das Köstritzer Dahlienfest mit der Krönung einer Dahlienkönigin gefeiert und ein Dahlien-Zentrum mit Museum und Schaugarten bewahrt seit 2007 diese Tradition.

Ein weiteres “B” steht für Barockmusik. Bekannt geworden ist Bad Köstritz auch durch den “Vater der Deutschen Musik” – Heinrich Schütz (1585-1672). Er wurde am 08. Oktober 1585 in der “Oberschenke” (dem späteren “Zum güldenen Kranich”) geboren, die durch die Familie Schütz jahrelang bewirtschaftet wurde. Leider stellte diese beliebte Gaststätte 1942 ihren Betrieb ein und wurde als Lazarett genutzt. Aus Anlass des 400. Geburtsjubiläums wurde 1985 das Geburtshaus als Forschungs- und Gedenkstätte (Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz) eröffnet. Neben Dokumenten über sein Leben und Schaffen werden auch historische Musikinstrumente und die Lebenskultur des 17. Jh. präsentiert. Ständig stattfindende Konzerte sowie die jährlichen Heinrich-Schütz-Tage im Oktober lassen die Forschungs- und Gedenkstätte immer mehr zu einer Begegnungsstätte werden.
Auch der böhmische Komponist und Gothaer Hofkapellmeister Georg Anton Benda (1722-1795) verbrachte seinen Lebensabend komponierend in Köstritz und wurde hier beigesetzt.
Dem reußischen Dichter und Köstritzer Pfarrer Julius Sturm (1816-1896) verdanken wir zahlreiche Werke der weltlichen und geistlichen Lyrik. Bis 1945 gab es im Köstritzer Schloss ein Gedenkzimmer für den Dichter, leider wurde es in den Nachkriegswirren zerstört. 2003 wurde im Köstritzer Palais wieder ein “Julius-Sturm-Gedenkzimmer” eingerichtet, das der Orts- und Heimatverein betreut.

Wissenswertes

Der in Köstritz geborene Komponist Heinrich Schütz war freundschaftlich und eng mit den Reußen des Hauses jüngerer Linie verbunden. In seinem Nachruf für den verstorbenen Landesvater Heinrich Posthumus von Reuß-Gera kommt das besonders in der Trauermusik „Musicalische Exequien“ zum Ausdruck. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Trauermusik mehrmals im Dresdner Opernhaus im Gedenken an die Opfer der Bombenangriffe von 1945 auf Dresden aufgeführt.

Ein weiterer großer Sohn der Stadt war Julius Sturm (1816-1896), von 1857-1885 Pfarrer in Köstritz. Wie auch sein Vater hatte er gute pädagogische Fähigkeiten. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Gera und einem Theologiestudium in Jena (ermöglicht durch Fürst Heinrich LXIV.) wurde er bald nach Schleiz berufen. Dort war er als Erzieher, später Berater des Erbprinzen Heinrich XIV. j. L. tätig. Zuerst betreute er den Prinzen am Gymnasium in Schleiz, danach in Meiningen. Julius Sturm bemühte sich, in ihm die Liebe zur Heimat und Verständnis für seine Untertanen zu wecken. Da Heinrich XIV. als ein sehr fortschrittlicher und liberaler Landesherr galt, ist das sicher auch auf das Wirken von Julius Sturm zurückzuführen. Mit seinen zahlreichen Liedern, Gedichten, Märchen und Sagen zählt Julius Sturm zu den erfolgreichsten Lyrikern der deutschen Spätromantik.


Mit Sicherheit werden die Eindrücke Lust wecken, diese Region mit all ihren Naturschätzen und Sehenswürdigkeiten einmal zu besuchen.