28. März 2017

Wiege des Vogtlandes

Weida
Weida

Südlich von Gera führt uns die kulturhistorische Route weiter nach Weida, in die älteste Stadt Ostthüringens mit ihren zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten. Hier, wo die gleichnamige Weida und die Auma zusammenfließen, befindet sich die Wiege des Vogtlandes.
Eigentlich müsste unsere Reise entlang der „Reußischen Fürstenstraße“ hier beginnen, denn die Vorfahren der Reußen waren die Vögte von Weida. Hier saßen einst jene Vögte, die der ganzen Landschaft ihren Namen gaben „Terra advocatorum“ = Vogtland. Die heutigen geographischen Begriffe des Sächsischen, Thüringischen, Böhmischen und Bayrischen Vogtlandes gehen auf die Vögte von Weida zurück.
Das römisch-deutsche Kaisertum hatte zu Beginn des 12. Jh. die deutsche Ostkolonisation jenseits von Saale und Elster forciert. Es ging um Land, das noch von slawischen Sorben besiedelt war. Kaiser Friedrich I., Barbarossa, übertrug um 1143 die Herrschaftsrechte über das Gebiet der mittleren Weißen Elster an Erkenbert I., einem Ministerialgeschlecht, das im nördlichen Thüringen zwischen Mühlhausen und dem Unstruttal ansässig war. Sein Sohn, Erkenbert II. zog ins Land an der Weißen Elster. Er ließ sich jedoch nicht in Weida nieder, sondern erst einmal auf der nahegelegenen Gleisburg auf dem Veitsberg in Wünschendorf. Hier siedelten sich dann auch deutsche Bauern an. Bald darauf verlagerte er jedoch seinen Sitz nach Weida. Er übernahm den Namen seines früheren Wohnortes Wyde (später Weida) auf seinen neuen Sitz an der Auma. Er und seine Nachkommen waren die Initiatoren für die Besiedlung mit Thüringern und Franken. Erkenbert II. gilt deshalb als der Stammvater der Reußen.
Nach Zerstörung der Veitsburg (vermutlich durch die Sorben) ließ er dort nur noch die Kirche wieder aufbauen (siehe Kirche St. Veit – Wünschendorf).
In Weida wurde die Altstadtburg auf dem Bergkegel der heutigen Widenkirche errichtet. Eine Marktsiedlung entstand, die Altstadt bildete sich heraus.

Aus strategischen Gründen war bald eine neue, feste und größere Burg erforderlich. Die Neustadt entstand mit einer neuen Burg – der Osterburg (erst Haus zu Weida genannt). Um 1163 erfolgte der Baubeginn durch Erkenberts Sohn, Heinrich I., genannt der Fromme. Im Jahre 1193 erfolgte die Fertigstellung. Die Burg wurde Stammsitz seines Sohnes, Heinrich II., genannt der Reiche. Seit mehr als 800 Jahren thront sie als markantes Wahrzeichen über der Stadt. Heinrich der Reiche vollendete die Neusiedlung im Vogtland. Er war der erste bedeutende Vertreter des späteren Hauses Reuß. Sein Sohn, Heinrich IV., zog 1238 den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz des Deutschen Ordens an. Die Erfahrung, die er bei der Ost-Kolonisation im Land der slawischen Sorben gesammelt hatte, nutzte er nun für die weitere Ostexpansion. Vor seinem Ritt nach Osten, ließ er sich sogar von seiner Frau scheiden, denn ein Kreuzritter durfte nur von Gott und dem Orden abhängig sein. Bald wurde er Landmeister, d.h. ranghöchster Kreuzritter nach dem Hochmeister.

Eine der Besonderheiten Weidas sind die beiden historischen Stadtkerne, die der Fluss Weida trennt. Diese Stadtteile hatten beide Märkte, Mühlen, Klöster Kirchen und Friedhöfe, wurden aber gemeinsam verwaltet.

Weida wuchs zur Stadt (1209 erstmals erwähnt). Umfangreiche Siedlungstätigkeit ermöglichte den Vögten den Aufbau eines beträchtlichen Gebietes, das den Raum von Gera, Ronneburg, Weida, Greiz und Plauen sowie das Regnitzland (um Hof) umfasste.
Die Vögte suchten immer die Nähe des Kaisers und beteiligten sich an den großen Kreuzzügen. Die Kriege waren kostspielig, die Verschuldung stieg außerdem noch durch Erbteilungen.

Ungünstig wirkte sich auch die Nachbarschaft zweier großer Herrschaftshäuser aus. Im Süden war das die böhmische Krone, im Norden, Osten und Westen das Haus Wettin. Beide waren bestrebt, sich das Gebiet des Vogtlandes einzuverleiben. In den Vogtländischen Kriegen (1354/57 und 1358), die Böhmen mit den Wettinern gegen die Vögte führte, ist das Burgennetz der Vögte zerstört worden. Die Vögte gerieten immer mehr in Abhängigkeiten und mussten ihre Gebiete abgeben. Von 1406 bis 1427 ging auch Weida an die Wettiner über. Weida war keine Residenz mehr. Die Nachfolger der Vögte von Weida erwarben Wildenfels und starben 1531 aus.

1560 übernahm Heinrich XV. Reuß als „Hauptmann von Weida“ im Dienste der Wettiner sein Herrschaftsamt auf der Osterburg. Unter Herrschaft der Wettiner entwickelte sich Weida weiter.

1589 wurde das Rathaus fertiggestellt, ein imposantes Bauwerk im Hochrenaissancestil, noch heute markanter Mittelpunkt der Stadt.
Im Dreißigjährigen Krieg wurden Weida und die Osterburg völlig zerstört und von schwedischen Truppen ausgeplündert (um 1633).
Als eigentlicher Wiedererbauer der Osterburg gilt Moritz von Sachsen-Zeitz. Sie wurde Residenz seines Sohnes (1717) und gründlich instandgesetzt. Durch die Residenz profitierte Weida. Handel und Gewerbe entwickelten sich rasch. Der Ort erlangte noch einmal überregionale Bedeutung. Nach seinem Tod war das kurze Aufblühen beendet. 1815 kam Weida zu Preußen und 1816 an das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach (bei dem es verblieb bis zur Schaffung des Landes Thüringen 1920).

Mit der wachsenden Industrialisierung stieg die Zahl der Einwohner und auf der Grundlage von Mühlen entwickelten sich kleinere Industriebetriebe. Einen wesentlichen Anteil hatte die Lederherstellung und die Fertigung von Stoffen. Auch im Bauwesen spürte man den Aufschwung, der Jugendstil setzte sich immer mehr durch. So zu sehen an den ornamentalen Sonnenblumen an vielen Häusern.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam Weida zum Land Thüringen. Dem wirtschaftlichen Aufschwung (u.a. Bau der Aumatalsperre, des Postamtes) folgten mehrere Krisen, die in der Weltwirtschaftskrise gipfelten. Der Zweite Weltkrieg brachte persönliches Leid für viele Familien.
Im April 1945 wurde die Osterburg durch Granatbeschuss amerikanischer Truppen beschädigt, da auf dem Turm eine Funkstelle vermutet wurde.
Nach Kriegsende entstanden im Rahmen der sozialistischen Planwirtschaft industrielle Neubauten. Der alte Stadtkern von Weida verfiel, die Bezirksmetropole Gera hatte Vorrang. Erst die Wende 1989 brachte auch für Weida wieder Möglichkeiten, die sehenswerten Gebäude und Anlagen unserer Vorfahren zu erhalten. Eine rege Bau- und Instandsetzungstätigkeit begann, besonders auf der Osterburg. Die Osterburg ist nach wie vor ein markanter Anziehungspunkt für Touristen. Vom ältesten Teil der Anlage (12. Jh.) steht heute noch der Bergfried mit einer Höhe von 54 m. Die Mauerstärke beträgt bis zum ersten Zinnenkranz ca. 5,70 m. Der Turm ist einer der ältesten und höchsten dieser Art in ganz Deutschland. Wer den Aufstieg nicht scheut, wird mit einem herrlichen Ausblick auf diese historische Stadt belohnt. Die übrige Anlage entstand im Laufe mehrerer Jahrhunderte. Das zeigen die verschiedenen Baustile. Das dreigeschossige Schloss stammt aus dem 16./17. Jh. und beherbergt seit den 30er Jahren ein Museum mit einem historisch gewachsenen Sammlungsbestand zur Burg- und Stadtgeschichte. 1992 wurde das ehemalige Verlies der Osterburg zur „Galerie“ im Turm umgebaut.

Besonders interessant sind zwei technische Denkmale; der Oschütztalviadukt und ein Eisenhammer von 1770. Der Oschütztalviadukt am nördlichen Stadteingang ist eine stählerne Pendelpfeilerbrücke (185 m lang, 28m hoch) über die bis 1983 Züge rollten. Die Pläne für diese Brücke entwarf übrigens Geheimrat Köpcke, der auch das „Blaue Wunder“ in Dresden schuf. 99 Jahre war die Eisenbahnbrücke in Betrieb.
Besonders reizvoll und erholsam sind Ausflüge ins Aumatal zur Aumühle, einer Sommerfrische. Nach kurzem Weg erreicht man den Eisenhammer, ein gut erhaltenes Hammerwerk., das zum Antrieb eines Schmiedegebläses genutzt wurde. Das Eisenhammerwerk war bis 1921 in Betrieb. Geht man noch ein Stück weiter, kommt man zur Aumatalsperre, einem Stausee mit Campingplatz und Bootsverleih. Badefreudige kommen hier voll auf ihre Kosten. Für Naturfreunde ist der Naturlehrpfad mit Beschilderung von Strauch- und Baumarten, Kräutern, Moosen und Farnen interessant.

Wissenswert

Weida war einmal der Sitz einer bedeutenden Münzstätte (12.-14. Jh.) und der Weidaer Pfennig („widischer pfennige“ – wie in alten Urkunden) im mitteldeutschen Wirtschaftsgebiet ein gangbares Zahlungsmittel. Die herrschende Münze dieser Zeit war jedoch der Silberpfennig. 1331 wurde die Tätigkeit der Münze eingestellt.
Ein bekannter Weidaer Bürger Georg Samuel Dörffel
Noch weit vor Newton berechnete er als erster die Bahn der Kometen, am Beispiel des Kometen Kirch. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war er maßgeblich am Wiederaufbau der zerstörten Stadt Weida beteiligt.
Perlen in der Weißen Elster
Von 1719 bis 1804 wurden in der Elster 11286 Perlen gefunden, die 30.000 M einbrachten. Von 1861-1900 fand man 4562 Perlen und nach 1915 noch 41 Perlen. Zu dieser Zeit hat die Elster ihren Namen „Weiße Elster“ noch zurecht getragen


Mit Sicherheit werden die Eindrücke Lust wecken, diese Region mit all ihren Naturschätzen und Sehenswürdigkeiten einmal zu besuchen.