ABBA und die Beziehung zum Greizer Fürstenhaus

Reuß
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Frontsängerin Anni-Frid Synni Lyngstad des bekannten Quartetts ABBA hat überraschenden Bezug zum Greizer Fürstenhaus

GREIZ. Den meisten Greizer ABBA-Fans ist es wohl nicht bewusst: Die Frontsängerin Anni-Frid Synni Lyngstad des bekannten Quartetts hat über ihren dritten Ehemann einen überraschenden Bezug zum Reußischen Fürstenhaus und darf den Titel „Prinzessin Reuß von Plauen“ im Namen führen.

Wie es dazu kam, möchten wir ihnen mit diesem Artikel gerne näher erklären

Anni-Frid Synni Lyngstad Prinzessin Reuß von Plauen (geb. 1945)

Anni-Frid Lyngstad war das Kind einer jungen Norwegerin aus Narvik, die von einem deutschen Wehrmachtssoldaten schwanger geworden war. Solche als Tyskerbarn („Deutschenkind“) bezeichneten Kinder waren im Nachkriegsnorwegen außerordentlich unbeliebt und hatten – genauso wie ihre Mütter – mit vielen Diskriminierungen und Misshandlungen zu kämpfen. Um Anni-Frid dies zu ersparen, wurde sie von ihrer Großmutter nach Schweden gebracht. Bereits mit dreizehn Jahren begann sie in einer Band zu singen und brach dafür die Schule ab; die Karriere endete jedoch, als sie ihren Bandkollegen Ragnar Fredricksson heiratete und zwei Kinder bekam. Doch das häusliche Leben behagte ihr nicht. 1967 wagte sie sich zurück auf die Bühne, ergatterte einen Fernsehauftritt und produzierte mehrere Alben als Jazz- und Folksängerin. Bei einer landesweiten Tour lernte sie Benny Andersson kennen, mit dem sie eine Liebesbeziehung einging. Mit Anderssons Freund Björn Ulvaeus und dessen Verlobter Agnetha Fältskog gründeten sie einige Jahre darauf eine Band, die ab 1973 den Namen ABBA trug und mit dem Song Waterloo beim Eurovision Song Contest den 1. Platz einfuhr. Ab 1976 wurde die Band mit Titeln wie Dancing Queen und Take a Chance on Me ein weltweiter Erfolg. Im Zuge ihrer internationalen Vermarktung baute ihr Manager Stig Anderson auch ein Netz aus eigenen Firmen, Firmenbeteiligungen und Investitionen auf, das als das „ABBA-Imperium“ bekannt wurde. 1978 heirateten Andersson und Lyngstad, doch die privaten Krisen im Rest der Gruppe beeinflussten auch sie, sodass sich die beiden drei Jahre später wieder scheiden ließen. 1982 beschlossen die Bandmitglieder eine einvernehmliche Trennung, wobei Lyngstad ihre Kapitalanteile am „ABBA-Imperium“ verkaufte. Dadurch kam sie bei dem bald einsetzenden Finanzcrash des Konzerns weitestgehend schadlos davon.
Obwohl sie mit dem Album Something’s Going On sogar noch einmal einen großen Solo-Hit hatte, konnte sie nicht an alte Erfolge anknüpfen und zog sich im Laufe der 80er aus dem Musikgeschäft zurück. 1986 wurde sie als Ehrengast an den schwedischen Königshof eingeladen, wo sie einen Diplom-Architekten aus der Schweiz kennenlernte: Heinrich Ruzzo, Prinz Reuß von Plauen aus dem Hause Reuß-Köstritz.

Heinrich Ruzzo, Prinz Reuß von Plauen (1950-1999)

Das Haus Reuß-Köstritz entstand Ende des 17. Jahrhunderts, als die Reußen sich mehr und mehr dazu entschloßen, die unsinnigen Erbteilungen innerhalb ihrer Familie bleiben zu lassen und nur noch dem Erstgeborenen die Herrschaftsgewalt zu vererben. Um seinen zweitgeborenen Sohn dennoch versorgen zu können, richtete Graf Heinrich I. von Schleiz eine erbliche Abfindung (lat. Apanage, daher Apanagiertes Haus) aus Immobilienbesitz in den Gebieten um Köstritz und Reichenfels ein, ein sogenanntes Paragiat. Mit den Einkünften aus diesem Paragiat konnten sein Sohn Heinrich XXIV. und dessen Familie fortan ein standesgemäßes Leben führen. In späteren Jahren erwarben einzelne Familienmitglieder durch Kauf oder Heirat auch Güter außerhalb Thüringens, die sie innerhalb ihrer Linie weitervererbten. Daher ist das Haus Reuß-Köstritz heute über den ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet.
Eine dieser Linien (aus dem sogenannten Mittleren Ast des Hauses) saß seit 1818 auf dem Rittergut Jänkendorf in der Oberlausitz. Aus dieser Jänkendorfer Linie stammt Heinrich Ruzzo.
Anders als ihre Verwandten, die bis heute den traditionellen Namen Heinrich nebst Ordnungszahl tragen, führen die Angehörigen des Jänkendorfer Zweiges keine Ordnungszahlen im Namen und sind auch nicht zwangsläufig an den Vornamen Heinrich gebunden.
Das hat folgenden Grund: Nach dem Hausgesetz der Reußen von 1893 mussten die Angehörigen des Hauses sich „standesgemäß“ verheiraten, nämlich mit Adligen von Fürstenrang. Heinrich Ruzzos Urgroßvater ehelichte allerdings „nur“ eine Gräfin von Fürstenstein, weshalb die Kinder aus dieser Verbindung sich der Ordnungszahl enthalten mussten und den Titel „Grafen und Gräfinnen von Plauen“ bekamen. Wenn sie den traditionellen Namen Heinrich wählten, mussten sie diesen durch einen Beinamen kennzeichnen.
(Heinrich Ruzzo erbte dabei den Beinamen eines Großonkels, der 1904 bei einem Eisenbahnunglück verstarb.)
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die „Grafen von Plauen“ nicht mehr auf ihre Besitzungen zurückkehren und übersiedelten in die Schweiz. Sie lebten fortan in der Villa Heckenried bei Luzern, wo Heinrich Ruzzo im Jahr 1950 das Licht der Welt erblickte.
Sein Vater Heinrich Enzio (1922-2000) war Diplom-Forstwirt und hatte die Baronin Luise Peyron, eine schwedische Künstlerin mit französischen Wurzeln geheiratet. Heinrich Ruzzo blieb ihr einziger gemeinsamer Sohn, denn 1954 ließ das Paar sich wieder scheiden.
Dennoch blieben Heinrichs Verbindungen nach Schweden gewahrt – seine Mutter hatte ein Erbgut am Südgipfel von Schweden, wo Heinrich die Sommermonate verbrachte. Auf dem Internat dort machte er die Bekanntschaft des Prinzen (und späteren Königs) Karl Gustaf von Schweden, mit den er oft auf Jagdausflüge begleitete.
Nach dem Schulabschluss nahm Heinrich Ruzzo seinen Wohnsitz wieder in der Schweiz und arbeitete als Diplom-Architekt. 1974 heiratete er die Norwegerin Mette Rinde, mit der er Zwillingstöchter hatte. Doch seine Ehe endete – wie die seiner Eltern – nicht glücklich, weshalb das Paar nach zwölf Jahren die Scheidung einreichte.
Ab 1986 wohnte Anni-Frid Lyngstad bei ihm im schweizerischen Freiburg und begann sich für den Umweltschutz zu engagieren. 1992 heiratete das Paar, gerade als die Musik von ABBA in Europa ihr Revival durchlebte. Teil dieses Revivals war das Musical Mamma Mia!, das im April 1999 in London seine Weltpremiere feierte. Lyngstad konnte jedoch an dieser Premiere nicht teilnehmen: Ihr Mann hatte mit Lymphdrüsenkrebs zu kämpfen. Nach sechs Monaten Krankheit starb Heinrich Ruzzo im Oktober 1999 mit nur 49 Jahren.

Hintergrund:

Haus Reuß-Köstritz nach einem Aufsatz „Das Haus Reuss in der Gegenwart“ von Friedrich Wilhelm Trebge 1991

Alle dem Hausgesetz entsprechenden Nachkommen verzichten auf den Fürstentitel, nennen sich aber bis heute Prinz oder Prinzessin Reuß
Stammvater Heinrich XXIV. Graf Reuß j.L. aus dem Haus Schleiz
vom Vater mit dem Paragiat Köstritz (Rittergüter um Köstritz und in der Pflege Reichenfels) mit allen Rechten außer der Landeshoheit
zerfiel unter seinen Söhnen in 3 Zweige (1806 alle in den Fürstenstand erhoben)
1878 ältester Zweig des Hauses erlischt
dazu gehört Heinrich VI. (1707-1783, dänischer Dienstmann, Kap. „Nordisches Intermezzo“), Heinrich XLIII. (1752-1814, Goethe-Freund, Kunstsammler und Mäzen), Heinrich LXIV. (1787-1856, „General Geisterseher“, österreichischer Feldmarschall im Kampf gegen Napoleon, angeblich mit dem zweiten Gesicht begabt) und Heinrich LXIX. (1792-1878 „Mrs. Locke“)

Zweiter Zweig begründet durch Heinrich IX. (1711-1780 „Trebschen“), hat zwei Äste
1930 Entfernung des Namenszusatzes jüngerer Linie (Aussterben der älteren Linie 1927 im Mannesstamm)
1945 Tod des Erbprinzen Heinrich XLV. Reuß jüngerer Linie in sowjetischer Gefangenschaft (offizielle Todeserklärung erst 1962)
danach Heinrich XXXIX. Reuß Köstritz aus dem mittleren Zweig (1891-1946 Beiname „Bibliophiler“) Oberhaupt des Gesamthauses –> Prinz Heinrich IV. Linie Ernstbrunn (geb. 1919) –> Heinrich XIV.
Heinrich IV. hat Forst- und Volkswirtschaft studiert und lebt jetzt (1991) auf Schloß Ernstbrunn in der Herrschaft Ernstbrunn mit Haggenberg in Niederösterreich1, wo er einen Wildpark betreibt
mittlerer Zweig dieses Hauses lebt in Hamburg
jüngster Zweig dieses Hauses geht zurück auf Prinz Heinrich I. Reuß (1910-1982), Adoptivsohn des Erbpinzen Heinrich XLV.–> verheiratet mit Woizlava Feodora, Herzogin zu Mecklenburg –> Prinz Heinrich VIII. Reuß (1944) Bankkaufmann in Frankfurt/Main –> Heinrich XX. und Heinrich XXIII.
Schwester Heinrich I. heiratete Otto Friedrich Fürst zu Ysenburg und Büdingen
Bruder Heinrich IX. Reuß (geb. 1947), Volkswirtschaftler
Bruder Heinrich XIII. (geb. 1951), ebf. Volkswirtschafler
Bruder Heinrich X. (geb. 1948), ebf. Volkswirtschafler –> Prinz Heinrich XXIV. (geb.1984)
Bruder Heinrich Heinrich XV., Restaurator in Büdingen
außerdem ein Vetter Heinrich I., Heinrich III., Jurist in Rosegg

Der Zweig der „Grafen von Plauen“ Heinrich LXXIV. (nach Trebge)

Seitenast des mittleren Zweiges Hauses stammt von Heinrich LXXIV. Prinz Reuß-Köstritz (1798) auf Jänkendorf in der Oberlausitz2
Heinrich LXXIV. aktiver Burschenschaftler in der Zeit der Demagogenverfolgung
erwarb 1826 auch das Schloß Neuhof bei Schmiedeberg/Kowary in Schlesien
übernahm 1832 die Herrschaft Jänkendorf mit Vorwerk Caana, war in Stände- und Abgeordnetenvertretungen Schlesiens und Preußens aktiv (u.a. 1855-1886 Angehöriger des Preußischen Herrenhauses), nahm auch großen Einfluss auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Gebietes
sein Sohn Heinrich IX. kaufte ihm 1872 Schloss Neuhof ab und erbte 1886 Jänkendorf
1898 vererbte er Jänkendorf an Heinrich XXVI. (bis 1913) und Heinrich XXX. Neuhof (bis 1939, danach durch seine Frau Feodora Auguste bis 1945)
Ehe Heinrich XXVI. war durch Familiengesetze von 1887/1893 nicht eindeutig hausgesetzmäßig, daher nicht mehr an „Heinrich“ gebunden, durften auch den Titel Prinz Reuß und keine Ordnungszahlen mehr führen, nur als „Grafen von Plauen“ wappen- und nachfolgeberechtigt
1913 fällt Jänkendorf an Heinrich Harry, nachdem Heinrich Ruzzo (gest. 1904) und Heinrich Pelas (gest. 1906), seine älteren Brüder, jeder bei einem Eisenbahnunglück umgekommen waren
nach der Adoption durch Prinz Heinrich XXX., dem Onkel des Gutsherren, erhält er 1927 den Status Prinz Reuß-Köstritz zurück und ist damit wieder ebenbürtig
seit 1922 lebt Heinrich Harry auf dem mütterlichen Herrensitz in Meggen/Schweiz, wo auch sein Sohn Heinrich Enzio und sein Enkel Heinrich Ruzzo geboren werden.

Quelle: Friedrich Wilhelm Trebge: Spuren im Land, S. 209-227

Martin Wohlgefahrt @10.08.2017